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Leseprobe aus Nr. 53,
November 2016

Mercedes Spannagel

Im Schatten sitzen wir auf Parkbankrücken (Auszug)

Alma und ich sitzen auf einem Bankrücken im Park, nahe am Fluss. Es wird bald regnen,
sagt Alma und schaut nach oben. Die Wiese zwischen unserer Parkbank und dem Spielplatz ist zertreten. Ich sehe die Kinder auf dem Spielplatz, die Mütter auf den Parkbänken. Wir aber sitzen auf dem Bankrücken, wir haben die Übersicht. Ich will nicht, dass es regnet, ich will mit Alma hier bleiben. Ich lehne mich nach vorne, kratze mit der Schuhspitze an eingetrockneter Vogelscheiße. In meinem Nacken zerplatzt ein Tropfen. Seit Tagen bin ich unruhig. Um meinen Hals baumelt die Kette, die Alma mir im Sommer geschenkt hat. Aus Tel Aviv ist die. Ich weiß nichts von Tel Aviv. Ich habe Alma gesagt, dass es Wichtigeres gäbe als Souvenirs, als sie mir die Kette um den Hals gehängt hat. Wie ich sie fände, hat Alma gefragt. Und ich habe den Anhänger zwischen Daumen und Zeigefinger gehalten und gesagt, dass der echt seltsam und eher hässlich
sei. Alma hat gelacht. Sie hat mir den Anhänger aus der Hand genommen und zwischen
meine Brüste gelegt. Der sei von ihrem Großvater und den habe sie in einer Ecke des Hauses in Israel gefunden. Der Anhänger habe den Holocaust überlebt. Ok danke, habe ich gedacht, dieses Andenken baumelt jetzt ein paar Fingerbreiten von meinem Herz entfernt und zieht mich noch stärker gegen Erdkern.

Alma dreht neben mir eine Zigarette. Mein Blick ist immer derselbe: er wandert von meinen Schuhspitzen über die Grasbüschelansammlung bis zu der Sandkiste, wo der Spielplatz beginnt. Dann bleibt er auf dem Treiben dort liegen. Alma sehe ich nicht an. Ich frage zum Spielplatz hin, ob sie diesen Sommer wieder nach Tel Aviv fahren werde. Und ich zähle meine Atemzüge, bis sie antwortet, dass sie es nicht wisse, weil es dort unten momentan noch unsicherer sei als bei ihrer letzten Reise. Ich denke daran, dass Alma lange nicht mehr bei mir unten gewesen ist, mit der Zunge. Ich menstruiere seit Tagen. Ich spüre in meinem Nacken Blicke, so wie ich auf die Mütter mit ihren Kindern blicke, die dort beim Spielplatz auf Parkbänken sitzen; ich sage es Alma. Alma sagt, dass sei so, weil wir im Schatten der Tannen säßen und man vom Tannenwipfel aus eine viel bessere Übersicht über die Dinge hätte. Ich sage: Dort oben sitzen Vögel. Und wenn ich das nächste Mal etwas in meinem Nacken spüre, dann ist es vielleicht kein Regentropfen.