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Leseprobe aus Nr. 53,
November 2016

Susanne Neuffer

Die kleine A.

Was war Ihre Rettung? fragen die Journalisten auf der letzten Seite jenes Magazins ihre Mitmenschen. Niemand fragt mich – ich erwecke wohl nicht den Eindruck, auf Rettungsaktionen angewiesen zu sein.

Und doch könnte ich auf die kleine A. verweisen, dieses autarke Kind, das einen Teil des Tages auf jener Veranstaltung an meiner Seite war. Ein Kind in einem rotlila Blumen- und Punkte-Kleid, mit in die Höhe wachsenden Kringellocken, die auf dem kleinen Kopf standen wie rätselhafte Waffen einer neuen Spezies: Dieses Kind ließ seine Eltern einfach sitzen und gesellte sich zu uns, das heißt zu mir und den Kindern, die gerne absurde Spiele spielen wollten und mich daran hinderten, mit den anderen Erwachsenen höflich desinteressierte Gespräche zu führen. Die kleine A. kam auf uns zu und erklärte, sie spiele jetzt mit. Weiter ist nichts zu berichten als dass die Stunden auf diese Weise gut vergingen, die kleine A. hatte nicht mal Schuhe an und ging furchtlos durch den Müll, der von letzten Party auf der Wiese liegen geblieben war.

Als mich am nächsten Tag die schwarzen Wolken einholten, all das, was ich versäumt, verpasst, nicht mitbekommen hatte – denn die anderen Erwachsenen hatten indessen ihre Spiele gespielt, in denen ich nicht vorkommen wollte und umso gewisser vorkam – als ich müde und mutlos wurde, in Resignation einsank wie in warmem Moorwasser: Da kam die Erinnerung an die kleine A., ihren entschlossenen Gang durch unsauberes Gelände, ihr ernstes Mitspielenwollen, die distanzlose Entferntheit von allem – eine Erinnerung an jemand, der man hätte werden können, ein Bild, das tröstete, weil die kleine A. ja schließlich so war und vielleicht so bleiben würde. Und wenn sie weglief, drehte sie sich nicht einmal um, um sich meiner Anwesenheit auf dieser Wiese zu versichern, sie war sich ihrer eigenen Anwesenheit sicher.
Natürlich ist es zu spät, um zu den anderen Erwachsenen hinzugehen und zu sagen: Ich spiele jetzt mit. Aber es ist nicht zu spät, sich vor der nächsten Veranstaltung Kringellocken machen zu lassen, steil nach oben ragende entschlossene Kringellocken.